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analog rockt Brettspielrezensionen

Etherfields

Der Artikel wurde von Horst geschrieben. 8 Minuten Lesezeit

Ich glaub ich Träume

Wenn es ein Spiel gibt, dem ich eine Menge zu verdanken habe, dann ist das Etherfields. Ist wahrscheinlich nicht ganz richtig, aber ich verbinde das Kampagnenspiel damit, dass ich sowohl mit Bill als auch mit Björn ein paar würdige Gegner im Brettspieluniversum und auch noch Mitstreiter bei diesem Blog gewonnen habe.

Warum Etherfields mir Albträume und uns alle schlaflose Nächte und nicht abnehmende Diskussionen bereitet hat, klärt dieser Artikel auf. Aber Achtung: Das wird keine echte Rezension.

Steckbrief

Spiel Etherfields
Verlag Awaken Realms
Veröffentlichung 2020
Idee Michał Oracz
Illustration Mateusz Bielski, Ewa Labak, Michał Sałata
Rating (BGG) 7.8
Komplexität 3.58 (Kennerspiel)
Spielweise kooperativ
Mechaniken Dream-Crawler, Deckbuilding

Erlebnisbericht

Etherfields ist ein Traum-Dungeon-Crawler. Traumhaft schön? Naja, da kommen wir gleich zu. Unsere Charaktere sind in einem gemeinsamen Albtraum gefangen und widmen sich düsteren Gedanken, verwirrenden Wortfetzen in scheinbarer Geschichte versteckt und einer ganzen Reihe von einmaligen Dungeons. Wir wissen nichts von unserer Vergangenheit. Der Klassiker wie auch bei Sword & Sorcery. Erleben wir aber bei letzterem Abenteuer für Abenteuer mehr von uns, bleibt es auch nach unzähligen Quests immer noch ein Rätsel, worum es eigentlich geht. Zumindest haben wir es nicht herausgefunden … wir haben aber die Kampagne … ACHTUNG … einfach abgebrochen.

Das Warum ist schnell auf einen Punkt gebracht: die Story hat einfach nicht getragen. Der Albtraum ist bei uns Realität geworden. Immer wieder in einen neuen Dungeon geworfen, wieder keine Hinweise (oder Schlüssel) bekommen, wieder keine verwertbaren Story-Verweise und wieder haben wir uns frei gespielt, dass wir einen Dungeon noch einmal spielen könnten. Was bei T.I.M.E. Machine ein Teil der Spielmechanik ist, nervt bei Etherfields. Wir haben sogar bei einigen Abenteuer alle Karten und Hinweise einfach mal durchgelesen und festgestellt … keine neuen Erkenntnisse.

Dabei ist da richtig Potential drin. Jedes Abenteuer spielt sich komplett anders. Wie es sich für einen Albtraum gehört werden wir meist nur auf einen Kartenausschnitt geworfen und dann müssen wir erst einmal herausfinden, was sind eigentlich die Endbedingung. Auch verändern sich die Räume mitunter recht stark. Dabei werden die quadratischen Räumplättchen manchmal quer überdeckt und verbinden auf einmal Plättchen miteinander oder zeigen neue Elemente. So viel Vielfalt habe ich noch in keinem Crawler gehabt. Aber am Ende fehlt doch der Plot, warum bin ich überhaupt hier.

Die Storyelemente, die wir fanden, waren alle samt kryptisch und wirr. Klar zeugt das von einer gewissen Traum-Atmosphäre, aber irgendwann wünscht man sich doch mal den Speaker aus dem Off, der die Handlung vorantreibt.

Neben den Dungeons gibt es eine Stadt in unseren Träumen, dessen Karten wir ebenfalls erst komplett freispielen müssten. Das hat zwar geklappt, klaut aber nur wertvolle Spielzeit, da man viel von ganz links nach ganz rechts geschickt wird und dadurch auf einer anderen kleinen Karte noch mit kurzen Albtraum-Monstern konfrontiert wird. Die sind nur dafür da unsere Lebenspunkte und Kartenauswahl zu dezimieren bevor wir uns in das richtige Abenteuer stürzen können.

Also unsere Stimmung schon den Alpträumen sehr nah kam, sind wir nur noch direkt von Abenteuer zu Abenteuer gereist.

Bill hat sich damals in Unkosten gesteckt und sich alle Erweiterungen und vor allem die tollen Minis gekauft (ganz untypisch für ihn als Sundrop). Die Miniaturen sind natürlich 1a-Qualität und optische Highlights. Alle Tabletoppler und Brettspielenden, die günstig an das Minitaturen-Set kommen: Kaufen! Ihr werdet eure Quests auf ein gruseliges neues Level heben. Die meisten Minis zieht man dabei leider nur einmal aus der Verpackung.


Bewertung

Am Ende bleiben wenig Worte und wenig positive Worte übrig für dieses ambitionierte Projekt. Habe es nicht mehr recherchiert. Björn behauptet, dass es eines der ersten echten Kampagnenspiele war. Die Entwickungs- und die Auslieferungszeit hatten zwar Awaken Realms-epische Verzüge, aber es ist tatsächlich schon etwas älter.

Aber all dies schützt vor Strafe nicht. Am Ende ist es leider ein Flop, der viel zu viel Zeit frisst und mit belanglosen Abenden bestraft. Schade eigentlich. Das Setting ist dabei (Alp-)traumhaft gut und entspricht genau dem Thema, dass ich gerne habe. Nur leider überhaupt kaum Fortschritt und eine zum einschlafen schleppende Story.

Björns Meinung

Horst hat hier eigentlich schon alles Wichtige gesagt. Spielt man nach den normalen Regeln, verkommt es zu einem übertrieben unnötigen Grind und Gekämpfe, und wenn man ehrlich ist, ist das Kampfsystem nun wirklich nicht so ausgeklügelt, dass es das gesamte Spiel tragen würde. Das Ganze lebt von der Geschichte, aber die geht einfach nicht voran und die kleinen Mini-Stories variieren stark von der Qualität.

Die einzelnen Träume haben teils schon ihren Charme, aber der Metaplot entwickelt sich einfach null weiter. Fast so, als hätte der Autor ihn selbst nur geträumt und nach dem Aufwachen direkt vergessen. Hier fühlst du dich wie in diesen Klischeealbträumen, in denen du rennst und rennst, aber das Ziel immer weiter von dir wegrückt.

Ich war damals in ein fast All-in gegangen, weil es thematisch und vom Style her wie für mich gemacht wirkte. Ich wünschte wirklich, ich würde dieses Spiel lieben, aber man kann über die Probleme einfach nicht hinwegsehen, so fest man beim Spielen auch die Augen zukneift. Selten fand ich eine Enttäuschung so unfassbar schade wie bei diesem Spiel.

Ein Gutes hatte das Ganze aber: Horst und Bill habe ich eigentlich nur durch diesen Titel kennengelernt. Ich wollte damals nur mal bei einer Partie dabei sein, um die Regeln zu lernen (denn die sind obendrein furchtbar unübersichtlich, vermutlich wurden die auch von jemandem im Tiefschlaf verfasst). Naja, das Ende vom Lied ist – Ich bin geblieben und Etherfields musste gehen. Mal schauen, welches Spiel dann irgendwann mich am Tisch ablöst! 😀

Bills Meinung

Meine Vorredner haben bereits alles aufzählt, was man meiner Meinung nach zu Etherfields sagen kann, daher halte ich mich mal mit meinem Teil möglichst knapp. Wäre die Geschichte nur annähernd so schön und episch wie das Setting und dessen Idee dahinter gewesen und ein roter Faden noch irgendwo unter den vielen Trümmern des verloren gegangenen Gameplays zu finden gewesen, wäre es sicherlich ein gutes Spiel geworden. Hätte man dazu noch etwas von den Ideen mit denen man die Miniaturen entwickelt hat in den Plottfließen lassen, hätte das Spiel weit über sein Potenzial hinaus wachsen können! Ich wollte es lieben und war zum vorzeitigen Ende hin der Erste der laut STOP!!! rief. Schade ist es allemal!

Awaken Realms hat mit den Jahren natürlich dazu gelernt. Dennoch sehe ich eine ähnliche Handschrift in anderen ihrer Titel immer wieder. Tainted Grail und ISS Vanguard oder Dragon Eclipse sind hier Beispiele für die stetig spürbare positive Entwicklung des Verlags und seiner Spieledesigner aber ich höre doch häufig die immer gleiche Leier: Tolle Idee, grandiose Figuren – aber die Story wirkt dagegen stiefmütterlich erstellt. Auch gerade jetzt bei dem neuesten Titel Lands of Evershade, wobei die Meinungen der kritischen Stimmen eher auf hohem Niveau schwimmen. Aber man erkennt schon einen gewissen Konsens, wobei mir die gerade genannten Titel, die ich bereits spielen konnte, persönlich wesentlich besser als Etherfields gefallen. Wir werden sicherlich hier davon berichten.


(c) Copyright Awaken Realms

Bannerbild von Stefan Keller auf Pixabay

Icons von Icons8

Grafik(en) und Bild(er) von Horst Brückner

Das Spiel habe ich privat erstanden. Diese Rezension ist unentgeltlich durchgeführt worden und spiegelt meine persönliche Meinung wider.


Autoren Posts

Thematische, narrative und verzahnte Spiele ... hier geht mein Herz auf. Dazu eine stimmige Vinyl-Schallplatte (oder Playlist) und los geht das Abtauchen in die Spielwelt. Als Spielleiter und Spieler kann ich mich auch vortrefflich in Pen-und-Paper-Welten tummeln. Bei Videospielen bin ich raus. Ist mir meist zu schwer (einzige Ausnahme: Super Mario Kart).

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